21 Gramm

Heute hat uns eine Seele verlassen. Eine Seele so jung und rein, hat sich davongeschlichen. Raus aus dem kranken Körper, rein in die schmerzlose Ewigkeit.
Der Tierschutz konfrontiert mich immer wieder mit dem Tod. Grausame Bilder gibt es täglich, schwer misshandelte und verwundete Seelen. Man versucht zu helfen. Doch bleibt es mir trotzdem ein wenig fern. Es gibt eine Distanz. Das Gehirn baut diese Mauer automatisch auf, sonst wäre es kaum auszuhalten.
Hörte iman von einem weiteren Verlust, so ist es traurig. Doch irgendwie ist man ja auch mit seinem eigenen Leben beschäftigt. Die Nachricht kommt, verweilt ein wenig und verschwindet.
Ich kenne es. Ich lebe es.
Und nun sitze ich da. Hatte bereits einen schmerzhaften Verlust vor zwei Jahren, mein Kater ging damals. Meine Welt blieb stehen. Fast ein Jahr lang kämpfte ich gegen diesen Schmerz an.
Diesmal ein Ereignis aus dem Nichts. Dieses kleine Wesen, von dem ich zuvor nichts wusste, kam bei mir an. Hatte Angst, versteckte sich. Kratze und biss mich öfter als je ein anderes Pflegetierchen und trotzdem liebte ich ihn wie alle meine Pflegekinder.
Es dauerte bis er sich sichtbar machte. Er kam anfangs von hinten, dann immer näher und irgendwann lag er da, in meinem Schoß. Ich liebte ihn. Er war mir so nah, so vertraut.
Er wurde krank, wurde gelb, magerte ab, fraß nicht, mögliche Diagnose FIP. Ich glaubte es nicht.
Wir zwei kämpften zusammen. Ich fütterte ihn mit einer Spritze, gab ihm Medizin und Liebe. Er dankte mir mit völliger Hingabe und einem schnurrenden Motor. Er wich mir nicht von der Seite.
Er starb. Heute. In meinen Armen. Er ging. Einfach so.
Ich war ganz ruhig, begleitet ihn. Sagte ihm, dass ich da bin. Er fühlte sich nicht allein und schlief ein. Im Alltag gefangen musste ich weiterfunktionieren, doch da war dieses Gefühl, das mich übermahnte. Und es kamen dieselben Schmerzen hoch wie vor zwei Jahren mit meinem Kater, den ich jahrelang bei mir hatte. Wie konnte dieses kleine Lebewesen, das ich nur so kurz kannte solch einen enormen Schmerz in mir auslösen? Ich kannte ihn ja kaum. Doch es geht.
Er war und ist meiner. Er hat diese Liebe und diese Trauer verdient.
21 Gramm soll die Seele wiegen. 21 Gramm weniger für ihn. 21 Gramm mehr Liebe für mich.
Um ein Lebewesen zu lieben, braucht es nicht viel. Man tut es einfach. Man muss es einfach tun. Diese kleinen Geschöpfe sind auf dieser Welt, weil wir es verbockt haben. Wir haben die Verantwortung all die wunderbaren Wesen in dieser Welt zu begleiten, egal wohin uns der Weg führt. Heute konnte mir der kleine Marco nochmals zeigen wie einfühlsam diese kleinen Wesen sind. Er hat die Nacht gewartet. Gewartet bis ich morgens zu ihm kam. Gewartet bis ich ihn liebevoll in einer Decke eingewickelt in meinen Schoß legte. Gewartet um nicht alleine zu sterben.
Voller Vertrauen. Die Augen geschlossen. Jetzt war es warm. Jetzt war es richtig. Es war ruhig und fast so als wäre es ok, hörte sein Herz auf zu schlagen.
Das ist einer dieser Momente in dem man realisiert wie wichtig es ist im Einklang mit diesen wunderbaren Geschöpfen zu leben. Wie wichtig es ist da zu sein, nicht wegzuschauen und wenn es nicht mehr anders geht, einfach nur in voller Stille zu begleiten.
Es ist unendlich traurig, dass Marco in solch einem jungen Alter gehen musste. Doch er tat es nicht alleine. Er war wohl umsorgt und konnte seinen inneren Frieden finden. Diesen werde auch ich mit diesem Tod schließen können.
Die kleinen Seelen da draußen sind allerdings auf sich selbst gestellt. Kommt ihr Tag, so liegen sie alleine zusammengekauert und warten bis es vorbei ist. Ungeliebt. Ausgesetzt. Gequält. Hungrig. Durstig. Durchnässt. In der Kälte und Hitze. Mit ihren Schmerzen allein. Keiner da, der die Hand darauflegt und diesen letzten Weg irgendwie erträglich macht.
21 Gramm hat die Seele, heißt es. Die prägnantesten 21 Gramm die es gibt. Jeder sollte diese zusätzlichen 21 Gramm noch tragen können. 21 Gramm für uns, ein geborgenes Leben für diese wunderbaren Geschöpfe.

Anna


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